Günter Buchan

Günter Buchan, Leipe

  • Jahrgang 1943, verst. 10.02.2017
  • Landwirt, Eisenbahner, Fischer, Koch
  • Inhaber "Spreewaldhof"

Der Mann mit den großen Händen am Ende der Welt

Leiper Dorfstraße 2: Es gibt im Spreewald nur wenige solcher Orte „am Ende der Welt“. Hier genau endet die Straße und es beginnt die Zone I des Schutzgebietes, der Bereich, der nicht mehr betreten werden darf. Günter Buchan, Jahrgang 1943, kennt noch den Spreewald wie er hier ursprünglich war: Einziges Verkehrsmittel war der Kahn, die Straße nach Burg war noch nicht gebaut, nur den Fahrradweg nach Lübbenau gab es seit wenigen Jahren. Jeder fuhr Kahn, alles wurde mit dem Kahn transportiert. Die Oma, verantwortlich für die Versorgung der auf dem Feld arbeitenden Familienmitglieder, fuhr die Vesper mit ihrem kleinen Fischerkahn oft bis in die entlegentsten Winkel.
Auch Günter, der Letztgeborene von vier Söhnen, wurde mit und auf dem Kahn groß. Oft machte er so manche Tour nach Lübbenau oder von da nach Leipe, meist Korn zur Stadtmühle hin und Schrot für die Tiere zurück nach Leipe – eine kraft- und zeitraubende Angelegenheit.
Es wurde auch ganzjährig gefischt, denn wie fast alle Spreewaldbauern hatten auch Buchans Fischereirechte im Grundbuch eingetragen. Günter musste wie seine Brüder oft die Reusen kontrollieren und neue Netze auslegen. An den langen Winterabenden wurden Körbe geflochten, Netze repariert oder gar neu gestrickt. Anfangs schaute er noch über die Schultern seines Vaters, später versuchte er sich schon allein und immer erfolgreicher in dieser traditionellen Kunst.
Günter Buchan erlernte den Beruf eines Landwirts, eines Spreewaldlandwirts. „Auf’s Acker kam man eben nur mit dem Kahn, den Mist musste man ebenso hinbringen wie das Futter zurück, die Kühe kamen so auf die Weide und zum Schlachter, oft war der Kahn, der 25 Zentner transportieren kann, über den Eichstrich beladen“, erinnert sich an diese Zeit. Trotz der etwas anderen Bedingungen musste auch in Leipe eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), gegründet werden. „Mein Vater wurde Vorsitzender und ich sein angestellter Bauer – wir haben’s mit Humor genommen, zumal ohnehin bei mir berufliche Veränderungen anstanden, denn ich ging bald auf Montage zur Deutschen Reichsbahn, war eine Woche weg und eine Woche daheim.“ Diese Woche daheim nutzte Günter und half überall mit: Bei der Gurkeneinlegerei, beim Mosten, beim Hausschlachten, beim Kochen. So bekam er fast nebenbei einen Fundus an Kenntnissen vermittelt, den er später, ohne es je schon zu ahnen, nutzbringend anzuwenden verstand.
Mit der politischen Wende kam auch das Aus für seinen Bahnbaubetrieb. Günter Buchan hatte die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit oder einem Neubeginn. Er entschied sich für den Neubeginn. Im heimischen Leipe sollte der Bauernhof wiederbelebt werden, die inzwischen verstorbenen Eltern hatten ihm den Hof vererbt. Die Landwirtschaft im vereinten Deutschland verhieß nichts Gutes, die Familie beschloss daher, den sich deutlich abzeichnenden touristischen Aufschwung zu nutzen und in die Gästebetreuung zu investieren. „Vom Gast zum Wirt: Das war für mich ein weiter Weg. Das Bier an Fremde abzugeben und nicht selbst zu trinken, fiel schon schwer“, resümiert er schmunzelnd. Am Anfang stand ein mobiler Verkaufskiosk, später wurden Stallungen und Gelasse ausgebaut, Ferienzimmer mit inzwischen 15 Betten kamen hinzu. Günter Buchan war umtriebig genug, um seine Kenntnisse aus den Aushilfstätigkeiten und seine von Kindheit an erworbenen Fähigkeiten in den traditionellen Spreewaldgewerken geschäftsfördernd einzubringen. Ob mit Gurkeneinlegen im Sommer, mit Hausschlachtungen im Herbst oder mit Netze stricken im Winter  – immer wieder zog er damit zahlreiche Schaulustige an und auch das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam. Für den NDR kochte er den berühmten Karpfengulasch, für das Heimatjournal des RBB gleich mehrfach verschiedene Fischgerichte, für die „Musikantenscheune“ und für die „Grüne Woche“ strickte er Netze. „Einmal musste ich ganz langsam stricken, denn 20 Maler haben mich dabei porträtiert.“
Berühmt sind auch seine Maxi-Buletten: „Was soll ich machen, ich habe nun mal so große Hände“, gesteht der ambitionierte Koch. Er ist wohl auch einer der wenigen Gastwirte, der sich seinen Fisch direkt vor der Haustür fängt. Er geht dann zum Schwiegermutterkasten, wie die Spreewälder die Lebendfisch-Vorratskisten nennen, und holt sich, was gerade vorrätig ist. Am liebsten bereitet er seinen Hecht in Buttermilch und Bier zu – eine Delikatesse, wie seine Gäste zu berichten wissen. Obwohl eigentlich schon Rentner, macht ihm die Arbeit immer noch sichtlich Spaß, er ist für alles offen und lebt für seine Gäste. Wegen einer Erkrankung musste ihm ein Bein amputiert werden, aber er nimmt es ziemlich gelassen und kämpft sich förmlich in die Arbeit zurück, seine Gehhilfen bleiben schon mal länger in der Ecke stehen. „Draußen ziehen die Quappen vorbei, ich muss bald auf den Kahn, um mir ein paar solcher Delikatessen, von denen es im Spreewald doch wieder recht viele gibt, zu fangen. Und dann gibt’s Quappenleber!“

 

„Blinde Fische“

Rezept für 4 Personen

 

1 Liter Wasser

 

1 Liter Bier (Pilsner)

 

1 Zwiebel

 

einige gesäuberte und geschuppte Weißfische (wie Plötzen, Bleie)

 

1 Lorbeerblatt

 

etwas Essig, Weißer Pfeffer und Salz

zum Kochen bringen

500 g saure Sahne

und

500 g süße Sahne

mit

2 EL Mehl

in den heißen Fischsud geben und langsam kochen lassen. Unter ständigem Rühren ein

½ Stck. Butter

zugeben.

„Blinde Fische“ werden auf dem Teller mit Pellkartoffeln gereicht.

 

 

Kartoffelsuppe

Rezept für 4 Personen

1 kg geschälte Kartoffeln

mit

1 Bund Suppengemüse

kochen. Das Kochwasser abgießen und aufbewahren. Die Kartoffeln mit dem Suppengemüse stampfen und portionsweise das Kochwasser beigeben, bis die Suppe sämig ist.

1 großen Zwiebel

mit

200 g Speck (gewürfelt)

in einer Pfanne braun anbraten und in die Suppe geben. Mit

Salz, Pfeffer und Majoran

abschmecken.

4 Bockwürste

ganz oder in Scheiben geschnitten beigeben.

 

 

 

 

Peter Becker, Dez. 2010

 

Günter Buchan

Alle Originale