Joachim Fittkau

Gastwirt a.D. Pohlenzschänke

Jahrgang 1924. Wie alle Zwanziger der vom Schicksal am meisten gebeutelte Jahrgang des letzten Jahrhunderts. Verheizt im Zweiten Weltkrieg, bestenfalls mit Schäden an Leib und Seele knapp mit dem Leben davon gekommen. Wie Bernhard Albrecht Joachim Fittkau.
Vater Bernhard, ein aus Ostpreußen stammender Bahninspektor, verantwortlich für den Lübbenauer Lokschuppen, stand der Sozialdemokratie nah. Großvater August Belaschk war Stadtverordneter der SPD im Lübbenauer Parlament. Um so größer die Enttäuschung, als der Gymnasiast Joachim stolz daheim verkündete, dass er geschlossen mit seinen Klassenkameraden 1942 den Werbern nachgegeben und sich zum Offizierslehrgang gemeldet hatte. Die Backpfeifen des Vaters erduldete er mannhaft, Mutter Elise warf vor Wut ihre Latschen in Richtung Volksempfänger, aus dem das goebbelssche Siegesgebrüll herniederging. Die Elternreaktion deutete er damals als rückwärts gewandt, fast defätistisch. Heute ist er stolz auf sein konsequentes Elternhaus, dass in dieser Zeit Mut zur eigenen Meinung, und sei es nur in den eigenen vier Wänden, bewies. Letztlich überlebte Joachim Fittkau als Einziger den Krieg, alle Jungens seiner Klasse fielen im Krieg.
Nach dem Notabitur am Lübbener Gymnasium folgte schon am 1. Februar 1943 die Einberufung. Keine zwei Wochen später kam die Verlegung in die Ukraine. Schon auf der Fahrt zur Front gab es die ersten Kampferfahrungen: Partisanen hatten den Zug auf eine Mine laufen lassen. Im Kampfeinsatz Wochen später zog er sich beim Handgranatennahkampf schwerste Verletzungen zu, ein langer Lazarettaufenthalt in Ungarn folgte. Wegen des Heranrückens der Front kam es zur Verlegung in ein Heimatlazarett. Dass es gerade Lübben war, war Zufall. Mutter Elise bestach den Lazarettfeldwebel mit hausschlachtener Leberwurst und konnte so ihren Sohn öfter besuchen und auch mal mit nach Lübbenau nehmen. Kaum genesen kam im Frühjahr 1945 der erneute Einsatzbefehl. Diesmal war der Weg zur Front kurz, sehr kurz. Die sowjetischen Truppen kamen über die Klessower Berge in Richtung Lübbenau voran. Joachim Fittkau floh mit seinem Lehder Kumpel Richter im Kahn in den inneren Spreewald. Zuvor hatten sie sich noch Zivilkleidung besorgt. Nach Ende der Kampfhandlungen schien sich wieder etwas Normalität im Leben der Fittkaus einzurichten. Bis eines Tages die Verhaftung durch die sowjetische Militärkommandantur erfolgte. Im Keller der Lübbenauer Villa Kittel, gelegen in der Bergstraße und somit unmittelbarer Nachbarschaft des Elternhauses, verbrachte Joachim Fittkau die ersten Tage und Nächte in Gefangenschaft. Ihm wurde Mitgliedschaft im Werwolf vorgeworfen, einer Organisation, von der er noch nie zuvor etwas gehört hatte. Alles Leugnen half nichts, er wurde mit anderen auf Transport in die sowjetische Gefangenschaft geschickt. Drei Jahre später, 1948, kam er wieder heim, gezeichnet durch einen schweren Unfall. Als Zimmermann tätig, stürzte das Baugerüst ab und er musste lange Zeit im Gipsverband liegend im Gefangenenlazarett verbringen.
Seine Eltern hatten 1947 die Pohlenzschänke gepachtet. Mutter Elise hatte dort schon oft ausgeholfen und gekocht, zur Familie Pohlenz bestand ein jahrelanger guter Kontakt. Beide Pohlenz’ens verstarben 1944 und 1945. Tochter Gertrud hatte den Werbener Mühlenbesitzer Voigt geheiratet und konnte sich nicht um die zu Leipe gehörende und sehr abgelegene Gaststätte kümmern. Das Übernahmeangebot durch die Familie Fittkau kam ihr sehr entgegen. In den Folgejahren konnte durch Ratenzahlungen die Gaststätte gekauft werden. Joachim Fittkaus Eltern sahen darin auch eine Existenzsicherung für sich und ihren einzigen Sohn. Der sah seine Aufgabe in der Warenbeschaffung, die in Zeiten von Zuteilung und allgemeiner Knappheit von existenzieller Bedeutung war. Mit dem Kahn holte er mehrmals in der Woche Bier und Brause, Fleisch und Wurst von den unterschiedlichsten Lieferanten und Orten im Spreewald ab.
Gelegentliche Lockerungen in der Versorgungssituation ergaben sich immer dann, wenn hochrangige Gäste angekündigt waren. Die Vizepräsidentin des Weltfriedensrates Isabell Blum etwa oder die DDR-Friedensfahrtmannschaft. Mit Gustav Adolph Schur (Täve) sind die Fittkaus noch heute in Freundschaft verbunden. Die Gaststätte punktete stets mit ihrer Lage. Weitab von den touristischen Zentren konnten sich hier ungestört Prominente der damaligen Zeit aus Politik, Kultur und Sport erholen.
In der Gaststätte übernahm Joachim Fittkau den Ausschank. Er heiratete 1961, aus dieser Ehe ging Sohn Christian hervor. Diese Beziehung war nicht von langer Dauer. In Gabriele Rudolph fand er seine zweite Ehefrau. Beide kannten sich schon aus früherer Zeit, als das junge Mädchen in der Pohlenzschänke in der Saison mitgeholfen hatte. Jahre später trafen sie sich wieder, Gabriele war inzwischen Lehrerin geworden.
Die siebziger Jahre standen unter keinem guten Stern. Viele Betriebe wurden damals enteignet, dem Staat war zu viel Kapitalismus herangewachsen. Die Gaststätte wurde zwar nicht verstaatlicht, aber in Fremdverwaltung überführt. Polygraph Leipzig nutzte sie als Ferienobjekt, danach wurde die Pohlenzschänke von der HO Weimar als Kinderferienlager eingerichtet. Der Lehder Karl-Heinz Starick pachtete die Gaststätte von 1991 bis 2007. Nun aller Versorgungsprobleme ledig, galt es andere Klippen zu umschiffen. Marktwirtschaftliche Aspekte traten in den Vordergrund. Der Fortbestand der Gaststätte neben den zahlreichen anderen und immer noch neu entstehenden gastronomischen Einrichtungen wurde zur Tagesaufgabe. Tochter Stephanie Fittkau führt seit 2008 die Geschicke, müht sich um Gäste und führt Schritt für Schritt Modernisierungen durch. Joachim und Gabriele Fittkau wohnen weiterhin in der Pohlenzschänke. Beide genießen aus ihrem Wintergarten den weiten Blick über die Spreewaldwiesen, beobachten die Tiere und schauen im Sommer entspannt dem Gästetreiben zu.

 

Peter Becker/peb1, 24.09.13

 

 

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