Jutta Küchler

Jutta Küchler, Lübben

  • "Sabina Fromm" - Paul Gerhardt's Schwägerin
  • Stadtführerin

Jutta Küchler alias Sabina Fromm


Der 400. Geburtstag des Lübbener Kirchenliederdichters und Pfarrers Paul Gerhardt war so ganz nebenbei auch eine „Wiedergeburt“ seiner Schwägerin, der Sabina Fromm - in Person einer ganz lebendigen  Jutta Küchler! Sabina Fromm begleitete den Pfarrer 1669 von Berlin nach Lübben und führte ihm hier den Haushalt. Mit  Witz und Wissen führt die heutige „Sabina Fromm“ die Gäste der Stadt in die Zeiten Gerhardt’s ein. Ihr gelingt es sogar oft, die Gäste zum Mitsingen oder wenigstens Mitsummen von Paul-Gerhardt-Liedern zu bewegen. Mit ihrem Sonnenschirm und im barocken Gewand mit Federhut fällt Jutta Küchler auf. „Das ist auch so gewollt. Die Menschen hören mir dann viel eher zu, weil sie in mir eine Person dieser Zeit sehen“, erklärt sie. Oft ist sie auch gemeinsam mit dem damaligen „Stadtrat von Hoymb“ (Frank Selbitz) und der stets etwas vorlauten Marktfrau Hedwig (Gisela Christl) in der Stadt unterwegs.
Die 1942 in Lübben geborene Jutta Küchler wollte Architektin werden, musste aber vorher eine handwerkliche Ausbildung absolvieren. „Auf dem Bau war es mir zu laut, zu kalt, zu heiß und trinkfest war ich auch nicht. Ich zog deshalb eine Tischlerinnenlehre vor.“ Aus dem geplanten Architekturstudium wurde dann ein Werbegrafikstudium in Berlin mit anschließender Tätigkeit als Lehrausbilderin für Schaufensterwerbung in Leipzig. Bei einem der häufigen Besuche  der „Kunstburg“ Giebichenstein in Halle wurde sie angestiftet, dort noch ein weiteres Studium aufzunehmen. Danach folgten Zeiten als Innenarchitektin beim Wohnungsbaukombinat Cottbus und später im Braunkohlenwerk, zuständig für die Gesellschaftsbauten. Nach der politischen Wende folgten Jahre der Arbeitslosigkeit, aber nicht der Untätigkeit. „Von der Stadt Lübben, wo ich inzwischen wieder wohnte, bekam ich eine Arbeitsbeschaffungs­maßnahme mit Aufgaben zur Erforschung der Stadtgeschichte – gerade ich, die ich mir keine Jahreszahlen merken konnte!“ Es folgte eine Zeit des Wühlens in alten Schriften, des Nachfragens und Nachforschens, die oft weit in den Feierabend hinein reichte. „Ich war manchmal über mich selbst erstaunt. Dinge, die ich früher nie sonderlich hinterfragt hatte, interessierten mich plötzlich. So beschäftigte ich mich auch mit dem Liederdichter Paul Gerhardt, dessen Lieder ich von Kindheit an durch das Singen im Kirchenchor kannte. Es erschien mir, als ob ich einen Schatz hebe“.  
Eine Kirchen-ABM, eine Ausstellung über die Epitaphe (Gedenktafeln) der Lübbener Kirche zu gestalten, kam ihr sehr gelegen. Jutta Küchler erschloss sich nun immer mehr die Zeit und den Zeitgeist des 17. Jahrhunderts. Sie erkannte eigentlich erst jetzt die wahre Bedeutung des Dichters, dessen Lieder die ganze christliche Welt singt. In der atheistisch geprägten Lübbener Vorwendezeit war dem Andenken Paul Gerhardts wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht worden. „Ich bin froh, dass sich das geändert hat, denn hier hat die Stadt ein kulturgeschichtliches Pfund in der Hand, das sich auch ausgezeichnet in das touristische Konzept einbinden lässt.“ Das sahen andere auch so, wie eben Gisela Christl und Frank Selbitz, die seit Jahren das Nachtwächterpaar geben oder eben auch das „Marktweib“ und den „Hoymb“. Von Selbitz stammte auch die Idee, im Trio aufzutreten, zu dem die „Pfarrwitwe Sabina Fromm“ gehört.
Wenn Jutta Küchler am Paul-Gerhardt-Denkmal in der Mode des 17. Jahrhunderts auf ihre Gäste wartet, hat sie oft einen mp3-Player im Ohr. Eine Provokation für das Auge des Betrachters, das nun verschiedene Jahrhunderte überbrücken muss. „Jugendliche fragen mich dann manchmal, auf welcher Musikrichtung ich so stehe. Einer kurzen Hörprobe folgt meist die gleiche Reaktion: ‚So was finden Sie schön!?‘ Meine Antwort, dass die Lieder von Paul Gerhardt seit Jahrhunderten aktuell geblieben sind, anders als die sehr kurzlebigen modernen Hits, kann sie sicher nicht überzeugen, aber manchmal ein ganz klein wenig nachdenklich stimmen. Vielleicht entsteht dann später mal ein wenig Stolz auf ihn, den berühmten Lübbener“.
Jutta Küchler ertappt sich in letzter Zeit immer öfter bei dem Gedanken, Paul Gerhardt zu „verlassen“ und sich zu „verjüngen“. Zunehmend interessiert sie die Zeit des Hermann Fürst von Pückler-Muskau.  „Pückler, dieser Casanova und Schwerenöter hat‘s mir angetan, aber eher noch seine Frau, die Lucie, die es mit ihm sicher nicht leicht hatte. Diese Rolle der Verlassenen aber nie Verstoßenen könnte ich mir gut im Gespräch mit Bettina von Arnim vorstellen.“ 

 

 
 Peter Becker, 17.06.10     

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