Marlene Jedro, Leipe

  • Geboren 1951 in Cottbus, aufgewachsen in Kunersdorf
  • freiberufliche Erzählerin, Texterin, Autorin und Moderatorin

Die Spreewaldplauderin

Die wendische Großmutter und die Mutter waren es, die der 1951 als Marlene Lindner in Kunersdorf geborenen den Sinn für das Traditionelle vermittelten. Die Wendische Sprache wurde in der Familie seit Generationen gesprochen, das Trachten tragen in der Familie war allgegenwärtig und ganz selbstverständlich, obwohl in den Nachkriegsjahren nur noch ganz wenige Frauen in der typischen Tracht der Niederlausitz zu sehen waren. Marlenes Vater, ein Flüchtling aus Schlesien, verstand kein Wendisch. So fand, eher der Not gehorchend, die deutsche Sprache Eingang in den Familienalltag. Mutter und Großmutter gingen weiterhin in Tracht und sprachen auch noch miteinander Wendisch, da gab es keine Abstriche. Großmutter Elisabeth konnte ohnehin nicht verstehen, dass immer mehr wendische Frauen ihre Tracht ablegten und in der Truhe auf dem Dachboden verschwinden ließen. Gründe, wie „zu unbequem“, „Altmodisch“ usw., ließ sie einfach nicht gelten. Sie lebte weiter das Trachten tragen vor, so wie es ihre Tochter Anna Lindner immer noch tut. Deren Tochter Marlene konnte sich damals nicht vorstellen, die Tradition des täglichen Tracht Tragens fort zusetzen, denn das Umfeld war einfach zu „Modern“ geworden. Dennoch hat sie die Konsequenz ihrer Großmutter und Mutter sehr geachtet.  Sie fand es beeindruckend wie diese Frauen ihre Überzeugung lebten.

Gerade die Friseurinlehre abgeschlossen, fand Marlene in Manfred Jedro den Mann fürs Leben, und zog mit ihm in sein Elternhaus im Spreewalddorf Leipe.  Sie heiratete in eine Familie, in der die wendische Tracht, die dort als pauersche Tracht bezeichnet wurde und die Feste ebenso verwurzelt waren wie in ihrem Elternhaus, wenn auch diese den Alltag nicht mehr so beherrschten.
Inzwischen im Dorfladen als Verkäuferin tätig, kam sie häufig mit Urlaubern in Kontakt, die sie immer wieder „Löcher in den Bauch“ über den Spreewald und die hier lebende Minderheit der Sorben – die slawisch stämmigen Spreewälder nennen sich selbst lieber Wenden – fragten. Marlene konnte vieles beantworten denn sie wusste ja dank ihres Elternhauses bestens Bescheid.
Ihrer musischen Begabung folgend, die sie schon in der Schulzeit erfolgreich pflegen und entwickeln konnte, wurde sie Mitglied im Burger Chor und führte mit diesem  ein spreewaldtypisches Programm für die Urlauber der örtlichen Ferienheime auf. Seit 1981 begann sie solo mit einer Plauderei über Land und Leute aufzutreten und hatte durch ihre Auftritte immer wieder Kontakt mit den wissbegierigen Urlaubern. In den Wendejahren brach diese Form der Gästebetreuung erst einmal weg. Marlene schulte um und kellnerte in Hotels in Cottbus, Burg, sowie im heimischen „Cafe zur Spreewälderin“. Spätentens in dieser Zeit, in der sie wieder so viel Umgang mit Spreewaldbesuchern hatte, erkannte sie endgültig ihre Neigung für das Erzählende und die Musen. Ihr Schritt in die Selbstständigkeit als Freiberuflerin war einfach nur folgerichtig und zukunftsorientiert. Sie drückte die Schulbank in der Sprachschule Cottbus, um sich ein solides, geschichtliches Wissen anzueignen. Zahlreiche regionale und überregionale Auftritte folgten, wie beim Mundartnachmittag, dem Radduscher Bauernabend und bei der Spreewaldplauderei, bei Rundfunk und Fernsehen, bei einem Werbeclip für die Spreewaldgurke oder als Wetterfee eines Rundfunksenders. In den Printmedien erschienen Kindergeschichten u.a. „Marienkäfer Max“. Mit dem Spreewald Duo  Lothar & Klaus produzierte sie CD`s mit Spreewaldliedern.
Gelegentlich muss Marlene Jedro auch die Frage nach ihrem Familiennamen und seiner ursprünglichen Bedeutung beantworten. Er kommt wie viele andere Leiper Familiennamen aus dem Slawischen und heißt auf Deutsch Kern, genauer Nusskern. In Mundart ergänzt sie dann gern noch: „Wer in Leipe nich`Buchan, Konzack oder Jedro heeßt, is zujereest!“
Marlene ist zu einer Botschafterin des Spreewaldes geworden, besonders zu einer überzeugten Vertreterin des wendischen Brauchtums. „Erst mit dem Älterwerden konnte ich mich besser in das Denken und Fühlen unserer Vorfahren, besonders auch meiner Großmutter hinein versetzen. Ich kann jetzt ihre Sorgen und Nöte viel besser verstehen aber auch ihre Freude auf die Traditionsfeste nachvollziehen von denen es in der Niederlausitz so viele gab und noch gibt. Und ich glaube der Gast spürt, dass meine Worte aus dem tiefstem Inneren kommen, dass ich nicht etwa eine Rolle spiele und nur den Kommerz im Kopf habe“.
Mit dieser Einstellung erreicht Marlene Jedro auch stets die Herzen ihrer Gäste. Sie ist immer ansprechbar wenn es um „ihren Spreewald“ geht. Da sie auch gern mit Kindern arbeitet, ist der Kontakt zur Jugendherberge Burg eine Möglichkeit für sie, ihr Wissen an die jüngere Generation weiterzugeben. „Diese ist eine Fundgrube für neue Ideen und Geschichten – und sie ist auch das ehrlichste Publikum.“  Marlene Jedro kann selbst in ihrer Familie die Tradition um die Tracht nicht weitergeben. Daher liegt ihr diese Arbeit mit den Kindern, den Spreewäldern von morgen, besonders am Herzen. Sie hofft somit ein Stück Spreewaldgeschichte zu vermitteln. So, wie es einst ihrer Großmutter erfolgreich bei ihr gelang.

 

Großmutters „Speckkuchen“

„Mächen, Mächen, was soll das nu wern?“. Großmutter schüttelte den Kopf als sie sah, was ihre Enkeltochter Marlene da aus einer Pappschachtel hervor holte und die auch noch der festen Überzeugung war, dass das was zum Mittagessen sei. Eine Pizza, bunt wie ein Weihnachtsteller - für die Großmutter war es „eine große Schniete“. Während Marlene die Pizza sichtlich genoss, kostete die Großmutter nur mal davon:
„Weeste Mächen, wenn ich das so probiere, muss ich an meen Speckkuchen denken!“ „Speckkuchen?“ fragte die Enkeltochter überrascht, denn die Kombination von Speck und Kuchen konnte sie sich keineswegs vorstellen. „Ja, Speckkuchen“ antwortete die Großmutter, die schon in ihrem alten Rezeptbuch stöberte. „Hier is‘ es!“ und begann das Rezept vorzulesen:
„500 Gramm dunkles Mehl, eine Prise Salz, ein Ei, warme Milch und einen halben Würfel Hefe.
Der Speck wird in Würfel geschnitten und auf den inzwischen auf einem Blech ausgerollten und aufgegangenen Teig gegeben. Dazu etwas saure Sahne, dann kommt alles in den Herd und während der Speck langsam knusprig wird, immer noch ein bisschen saure Sahne dazu geben. Kommt der Kuchen aus dem Ofen, wird er gleich gezuckert und warm gegessen.“

Warum Großmutter immer so schöne Hände hatte

Trotz sehr viel Haus- und Gartenarbeit hatte die Großmutter immer gepflegte Hände. Sie vermischte nach der Arbeit Backpulver mit Zitronensaft und reinigte ihre Hände ausgiebig damit. Mit der Zitronenschale massierte sie ebenso ausdauernd ihre Fingerspitzen und –nägel.

Soßenverfeinerung a la Großmutter

Kotelett- oder Kammknochen werden mit Zwiebeln, Pimentkörnern, Sellerie, Salz und Möhre abgekocht. Dieser Fond eignet sich zum Verfeinern der Kartoffelsuppe oder für die Soße bei Kurzgebratenem.


pauersch: mundartlich für bäurisch

 

Webpräsenz: www.spreewald-plauderei.de

Publikationen:
Spreewaldplauderei, Regia-Verlag Cottbus,
Ferien auf dem Bauernhof, Regia-Verlag Cottbus, 2008
CD: „Burg, du bist ‚ne Perle“ (Jedro/Schnell)
CD: „Raddusch, Raddusch,…“ (Jedro/Schnell)
Liedtexte für Andreas Schenker und „Wir helfen“-Aktion sowie für die Leiper Tanzmäuse
„Spreewälder Geburtstagskalender“ mit Gedichten von Marlene Jedro und Fotos von Georg Tosonowski
Märchenbuch „Die schöne Wodarka“ Radochla-Verlag

Spreewälder Originale: Marlene Jedro

Peter Becker, Dez. 2010

 

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