Siegrid Konzack

Sigrid Konzack, Leipe

  • Meerrettichbäuerin
  • Trachtennäherin

An diesem 8. Dezember 1967 herrschte starkes, unangenehmes Schneetreiben. Fährmann Erich Konzack hatte so seine liebe Müh‘ einigermaßen geradeaus zu steuern. Auf seinem Kahn befand sich hochaufgestapelt die Aussteuer seiner Sigrid aus Groß Lübbenau und natürlich auch diese selbst, die er eine Woche vorher geheiratet hatte. Am nächsten Tag wiederholte sich das Ganze noch einmal: Mit dem Trecker die Möbel von Groß Lübbenau zum Hafen am Südumfluter gefahren, in den Kahn umgeladen und nach Leipe gestakt, zu Erich’s Hof.
Schon vor einiger Zeit hatten sich die beiden kennen gelernt: Sigrid war damals von einer Freundin zu einem Schlachtfest nach Leipe eingeladen worden, dort dabei auch Erich, der bald ein Auge auf die schmucke Sigrid warf und auch bald mit ihr anbandelte. Die Dinge nahmen ihren Lauf, es wurde eine Liebesbeziehung und beide schmiedeten Pläne für ihre Zukunft. Sigrid konnte sich durchaus ein Leben im Inseldorf Leipe vorstellen, die zu erwartende Arbeit in der Landwirtschaft war ihr ohnehin nicht fremd: „Ist doch egal, ob ich in Groß Lübbenau oder in Leipe den Meerrettich anbaue, er verfolgt mich ohnehin schon seit frühester Kindheit. Aber hier kann ich eine eigene Familie haben“, so ihre damaligen Überlegung. Da man von der kleinteiligen Spreewald-Landwirtschaft allein nicht gut leben kann, ging die an einer Landwirtschaftsschule Ausgebildete als Milchkontrolleurin zu den Bauern und in die LPG und kontrollierte dort den Fettgehalt und die Milchmenge jeder einzelnen Kuh um deren Jahresleistung zu ermitteln. Durch die „Milchplänscherei“, wie das Kontrollverfahren allgemein genannt wurde und das sie fast vier Jahrzehnte betrieb, kam sie viel herum, kannte bald jede und jeden und erfuhr viel von den dörflichen Traditionen.
Sie begann Trachtenteile und ganze Trachten für sich selbst  und ihre Familie, aber auch für ihre Spreewaldpuppen herzustellen. Bei jedem Dorffest stellt sie ihre Puppen in den Kahn und fährt damit um die Insel, sehr zur Freude der Urlauber, die ihr dann auch die eine oder andere Puppe abkaufen. Besonders an den langen Winterabenden sitzt sie am Spinnrad und spinnt Schafwolle zu Garn, das dann später zu schönen dicken Socken verstrickt wird. Da das Spinnen in Gemeinschaft viel schöner ist, trifft man sich mal hier, mal dort, um Dorfneuigkeiten auszutauschen. Es scheint dann, als ob die Zeit stehengeblieben ist. An solchen Abenden wird dann auch die typische Spreewälder Mundart gepflegt, die ein Gemisch aus deutschen und einigen wendischen Begriffen darstellt und in der Fälle nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ein Geschenk, ein Tuch mit ihrem Namen bestickt, quittierte sie der Schenkenden mit: „Oach, hättste ma ‚Siegried‘ nur mit i geschrieb’n, da hätt’ste viel Goarn spoarn kenn!“
Sigrid Konzack beteiligt sich aktiv am dörflichen Leben und ist überall dort dabei, wo sie gebraucht wird, wo ihre Kenntnisse gefragt werden. Viele Zamperumzüge hat sie mit organisiert, früher waren sie noch nach Männern, Frauen und Kindern getrennt durchgeführt worden. Die Eier, der Speck und auch die Getränke wurden bei einer Nachfeier verzehrt. „Wir Frauen haben oft bis spät abends in der Küche gestanden und Eier gebraten, aber das war auch sehr lustig“, erzählt sie aus dieser Zeit. „Heute gehen die Leip’schen gemeinsam, nur die Kinder gehen noch allein, aber davon gibt’s ja auch nicht mehr viele.“
Nach dem Zampern, dem wendischen Brauch des Winteraustreibens, ging es dann auch bald an die Frühjahrsbestellung, die neben den üblichen Aussaaten besonders das Legen der Meerrettich-Schwiegatze zum Inhalt hatte. Früher noch mit dem Setzstock in die Erde verbracht, hilft heute die Technik in der Form, dass die Triebe nur noch in die Furche gelegt zu werden brauchen. Ist dies vollbracht, kommen noch die regelmäßigen Hege- und Pflegemaßnahmen übers Jahr, wozu besonders das Anheben der Pflanzen und das Entfernen der überzähligen Seitentriebe gehört. „In der Julihitze, bei Tausenden Mücken und unter den Augen der neugierigen Urlauber, die immer wieder wissen wollen, was wir da eigentlich machen, ist das die unangenehmste Arbeit eines Meerrettichbauern“, gesteht sie ein, die mit ihrem Mann immer noch den Anbau betreibt. Im Herbst werden die Pflanzen gerodet, auf dem Hof gereinigt, von den Seitentrieben befreit, in Säcke verpackt und anschließend vom Verarbeitungsbetrieb abgeholt. Als Glasware findet sich das scharfe Gemüse dann in den Regalen der Supermärkte wieder, wo dann auch Konzack’s ihren Bedarf decken. Und der ist nicht gering, denn sie essen den Meerrettich praktisch zu allen Gerichten. „Uff’s Ei schmeckt er besonders, aber n‘ poar Kriem‘l Salz missen och noch ruff, sunst iss’es zu brennig“, lautet Sigrid Konzacks Tipp für die Hausfrau.

 

Peter Becker, 08.11.09

Fotoalbum S. Konzack

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