Milena

Monika Baumgart "Milena", Lübbenau

  • Gästeführerin
  • Mundart
  • Hobbyfotografin

Die alte Muhme und die neue Zeit

Ziemlich traurig schaute die Zehnjährige aus der frisch bezogenen Lübbenauer Neubauwohnung auf die großen Nachbarhäuser und die vielen Menschen auf den Straßen. Im Hintergrund sah sie das riesige Kohlekraftwerk mit seinen bedrohlich wirkenden und immer qualmenden Schloten. Sie konnte ihre Eltern nicht verstehen, die das Landleben in Presenchen bei Luckau aufgaben, um 1969 in diese Wohnung zu ziehen. Weg von den Großeltern, den Tieren, den Wiesen und Wäldern, in denen sich die kleine Monika immer so wohl gefühlt hatte. Der weiträumige Drei-Seiten-Hof, die Oma und das Storchennest  vorm Küchenfenster fehlten schmerzhaft! An fast jedem Wochenende zog es das Mädchen daher zurück zu den Großeltern, in die freie Natur. Den Weg nach Presenchen nahmen ihr manchmal die Eltern ab, manchmal fuhr sie die Strecke ganz allein mit dem Fahrrad, allein in der vertrauten Umgebung und mit viel Himmel darüber fühlte sie sich erst wohl.
Erst ganz allmählich drang der nahe Lübbenauer Spreewald in ihr Bewusstsein ein. Sie nahm ihn erst als Ersatz für die Kinderheimat, später entdeckte sie ihn als eine weitere einmalig schöne und liebenswerte Landschaft. Aber erst  mal blieb die Lagunenlandschaft den Freizeitaktivitäten der junge Hobbyfotografin vorbehalten. Mit Ehemann Jürgen und Sohn Andre ging es wann immer es möglich war in den Spreewald.

Monika war Fachverkäuferin, später sogar Verkaufsstellenleiterin. Ihren Traumberuf, Erzieherin oder Lehrerin zu werden, hatte man ihr verwehrt. „Aber etwas mit Menschen… das sollte es auf jeden Fall sein. Ich habe keine Berührungsängste ich kann auf jeden zugehen und mich einlassen“, beschreibt sie ihre damalige Berufswahl. Eine Eigenschaft, die ihr Jahre später zu Gute kommen sollte. Wie so viele, musste auch sie sich neu orientieren und besuchte Umschulungen, PC-Kurse und Praktika. Besonders ihre Tätigkeit beim Tourismusverband sollte sich prägend für ihr neues Tätigkeitsfeld erweisen. Gern zog sie dort zum ersten Mal in ihrem Leben eine Spreewaldtracht an, gern trat sie damit vor Besuchern auf und spürte dabei auch zum ersten Mal, dass die Gäste sie ganz anders wahrnahmen. „Ich wurde plötzlich als eine ‚echte’ Spreewälderin angesehen, eine von der man erwartete, dass sie kompetent war und auf alle Fragen eine Antwort wusste“, beschreibt sie diese Zeit. „Ich bin dann immer mehr in diese Rolle hinein gewachsen, habe mich nächtelang mit Trachten und Traditionen befasst, habe sogar die niederwendisch Sprache gelernt und angefangen, mir Trachtenteile selbst zu sticken. In der Leiperin Traute Romke (siehe Seite …) habe ich eine versierte Frau gefunden, die mir dann Trachten des Lübbenauer Kirchspiels auf den Leib schneidern konnte.“
Eine Anstellung beim Tourismusverband oder in ähnlichen Einrichtungen war nicht möglich, da zu wenige Stellen vorhanden waren. Wieder die Arbeitslosigkeit vor Augen gab sie sich einen Ruck: „Nun mach was draus, du kannst was, bist was und kommst bei den Leuten gut an – mach dich endlich selbstständig, unabhängig von allen anderen!“ Das Projekt „Mit Milena unterwegs“ (wend.: = die vom Volk geliebte) wurde geboren, sie bot sich als Stadt- und Spreewaldführerin an, wurde immer häufiger gebucht und bereut heute keine Sekunde ihres Weges in die Selbstständigkeit. Sie zieht ihren Gästen zu Ehren die Festtagstracht an und zeigt ihnen den Spreewald. Nicht selten werden  ihre Dienste auch von Einzelpersonen oder Paaren in Anspruch genommen – ein ganz neuer Trend im Individualtourismus. Sie begleitet in Tracht Brautpaare zur Trauung und begrüßt sie in Niederwendisch, sie hält Mundartnachmittage und schlüpft dabei in die „alte Muhme“, die mit der „Neizeit nich kloar kummt“ oder in den „Paule“, der immer mal zu tief in die Flasche geguckt hat und so für viel Ärger sorgt. Monika Baumgart selbst geht mit der neuen Zeit: Sie hat sich Beamer und Laptop zugelegt und zeigt Hotelgästen und anderen Interessierten ihre wunderschönen Spreewaldfotos, die sie mit Ehemann Jürgen und Sohn Andre im Spreewald schießt. Auch einige Ausstellungen konnte sie damit schon bestücken. Mit ihrem Jürgen bewohnt sie aber immer noch „ein Arbeiterschließfach in der Neustadt“ wie sie es humorvoll nennt. „Meine Gäste denken immer, ich wohne mitten im Spreewald, in einem Holzhaus mit Reeddach. Sie können sich gar nicht vorstellen, dass es ganz anders ist.“
In den stillen Minuten daheim wird gestickt oder gedichtet: „Tauchst du in den Spreewald ein, dann werde ich an deiner Seite sein … du spürst es schon von fern, in meinem Herzen trag ich die Heimat gern!“ Viel hat sie noch vor, die „Milena“, man spürt ihren Tatendrang und auch die Sehnsucht auf jede neue Saison. „Bald geht es wieder los, ich kann es kaum erwarten. Ich habe alles richtig gemacht, ich kann nun endlich tun, wozu ich mich in der Lage fühle, was mir Spaß macht und meinem Leben einen Sinn gibt – ich werde wieder gebraucht!“

 

Leinöl ist ein Multitalent

Außerhalb des Spreewaldes kaum bekannt, genießt das Öl der Flachspflanze hier einen schon fast legendären Ruf. Neben dem Einsatz in der Küche hilft es bei Hautkrankheiten und –täglich eingenommen- soll es wegen seines sehr hohen Gehalts an ungesättigten Fettsäuren sogar Alterungserscheinungen entgegen wirken. Jedenfalls schwören alle Spreewälder auf das Öl! Leider ist es nicht lange haltbar, aber deswegen muss das kostbare Öl noch lange nicht weggeworfen werden.  Es ist dann noch der beste "Kommodenlack" für alte Möbelstücke, denen wieder zu neuem Glanz verholfen werden soll: Zunächst das Möbel säubern, ein Baumwolltuch (ausrangierte Unterwäsche oder ein altes Tischtuch) ordentlich mit dem Leinöl tränken, dann das Tuch in Zucker tauchen, der vorher auf einen Teller geschüttet wurde. Der Zucker muss sich auf dem Öl getränktem Lappen unbedingt auflösen, ansonsten kratzt er am Möbelstück und aus der Politur wird ein Schleifmittel! Dann wird gerubbelt und das Öl dabei gleichmäßig verteilt. Die Möbelstücke sehen wie neu aus, und der Holzwurm zieht sich zurück, er mag das Öl gar nicht.

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Peter Becker, 30.11.10

 
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