Marga Morgenstern

MARGA MORGENSTERN, Lübben

  • Geboren 1935 in Straupitz
  • Reiseführerin
  • Schriftstellerin

Den Spreewald im Herzen

„Marga‘chen, es ist nicht die pauer’sche, es ist die wendische Tracht!“ Dieser Satz ihrer wendischen Großmutter hat sich zeitlebens in ihr Gedächtnis gegraben, damals noch gar nicht ahnend, was er bedeutet. Aufgewachsen in Straupitz, in der finstersten Zeit Deutschlands, erlebte sie den Druck und den Widerstand der Nationalsozialisten gegen alles Wendische, aber auch den gelebten alltäglichen Humanismus ihrer Eltern, dem wendischen Vater und der deutschen Mutter mit Hugenottenwurzeln. Ein kriegsgefangener Franzose, Marschan, zur Arbeit in der elterlichen Stellmacherei verpflichtetet, aß grundsätzlich am Familientisch mit. Dies brachte ihnen oft Ärger der Nazi-Oberen ein, die aber stets zu hören bekamen, dass der „wendische Tisch immer und für jedermann“ gedeckt sei. Das Wendische war in der Familie Konzack allgegenwärtig, die kleine Marga ahnte wohl schon das Mystische, das Ursprüngliche, welches sie ihr ganzes späteres Leben begleiten sollte. Besonders stolz war sie, wenn sie ihrer Großmutter beim Ankleiden der Sonntagstracht zusehen durfte. Dies wurde von ihr fast zelebriert, alles musste korrekt sitzen und durfte keinesfalls verrutschen. Wie eine kleine Königin fühlte sich Marga, wenn sie Großmutters Haube während des Ankleidens aufsetzen durfte.
In den Nachkriegsjahren waren andere Dinge in den Vordergrund gerückt, der Kampf ums tägliche Brot drängte Brauchtum und Kultur vorübergehend in den Hintergrund. Als Marga 1955 heiratete, trug sie keine Tracht, sie heiratete „bürger’sch“, obwohl noch viele ältere Familienmitglieder die wendische Tracht aus den Truhen holten und zur Feier des Tages nach langer Zeit wieder trugen. Sie arbeitete bei einem bäuerlichen Handelsbetrieb in Straupitz und Lübben, später beim Rat für Land- und Nahrungsgüterwirtschaft und beim Amt für örtliche Versorgungswirtschaft. 1963 und 1966 wurden ihre Töchter geboren – es war das normale Leben in einer, wie es schien, ganz normalen Zeit. Mit der politischen Wende und dem Vorruhestand konnte sie sich wieder verstärkt auf ihre Wurzeln besinnen, auch angestoßen von der eigenen Familie: “Nun lebe doch endlich deinen Traum vom Spreewald!“
„Und so begann mein neues Leben, ich konnte endlich das tun, wofür ich immer brannte: Den Spreewald in seiner Einmaligkeit den Menschen näher bringen!“ Marga Morgenstern, nun in Lübben wohnend, übernahm Stadtführungen, Wanderungen in den Spreewald und schrieb schon 1992 ihr erstes Buch, dem noch weitere folgen sollten. „Mit Büchern wird man nicht reich. Ich möchte manches so gern meine Großmutter fragen, kann es aber nicht, weil sie nichts aufgeschrieben hat. Meine Kinder und Enkel sollen wenigstens mal nachlesen können, wie das Leben früher so war, denn das Heute wird ja mal das Früher.“ Als überzeugte Trachtenträgerin („Es ist schon etwas anderes, täglich die Tracht zu tragen wie die wendische Großmutter, als sonntags vor Touristen ein Liedchen zu trällern!“) fällt sie natürlich auf. Sie wird auch häufig zu Präsentationen, Eröffnungen und vielen weiteren wichtigen Veranstaltungen eingeladen. „Die Leute spüren mit dem Herzen, dass sie eine echte, eine originale Spreewälderin vor sich haben und keine, die sich in ihrer Verkleidung nicht wohlfühlt, die ständig von falsch sitzenden Nadeln gepikt wird.“ Gern zitiert sie ihren Fontane: „Es ist so still, das ich sie höre, die Stille der Natur“ und schiebt auch gleich Tucholsky nach, der bestimmt nie im Spreewald war: „Es gibt vielerlei Lärm, aber nur eine Stille!“
„Älter werden ist wie Bergsteigen: Desto steiler der Weg nach oben, desto besser der Überblick.“ Marga Morgenstern denkt oft über das Leben im Spreewald nach, sie sieht es „im milden Licht der späten Jahre“: „Es ist nicht so wichtig, ob man Wende oder Deutscher ist, es ist auch nicht wichtig, ob man hier geboren ist oder nicht. Wichtig ist aber, dass man mit dem Herzen dabei ist und seine Sache, den Spreewald und das Spreewäld‘sche überzeugend vertritt. Wenn man dabei möglichst viele Menschen und ihre Seelen erreicht, dann ist man vielleicht ein Original-Spreewälder, vielleicht sogar ein origineller, wenn man zusätzlich noch über einen gewissen Unterhaltungswert verfügt.“ Dieses Credo lebt sie tagtäglich vor. Sie ist eine überzeugte Trachtenträgerin, vielleicht wirkt sie auf die Touristen sogar exotisch, die sich verwundert nach ihr umdrehen. Aber irgendwie halten sie ein und fragen nach: Was sind das eigentlich für Menschen hier im Spreewald? Und so leistet Marga Morgenstern ihren manchmal auch ganz stillen Beitrag zum Verständnis der Lebensumstände im Spreewald:„ Es ist gut, wenn hier und da die sorbische/wendische Sprache wieder gelehrt und die Kultur gepflegt wird, ich finde es auch wichtig, diese eigentümliche spreewälder Mundart zu pflegen, die so direkt ist und von allen verstanden wird: „Ich treeme von Friedn und Zärtlichkeit, treemen is Sunntag des Denkens bei diese Zeit. Ich winsche eich Glick, keen Hass und keen Streit, nee, imma bloß Zufriedenheit – eure alte Spreewald’sche.“

Peter Becker, Dez. 2010

 

Marga Morgenstern erinnert sich: Kinderglück Hefeplinse

„Was schmeckt dem Spreewälder zur Sonntagsruh? Kaffee und Plinse dazu!“, dichtete der Heimatdichter Otto Lucas aus den Byhleguhrer Kaupen. Genauso war das auch bei uns zu Hause. Wenn Großmutter nach dem Mittagessen ihre Kirchgangstracht ablegte, sich eine Sonntagsbluse anzog und die große blaue Schürze über den schwarzen Rock band wurde der Sonntag erst so richtig gemütlich.
So stand sie dann, natürlich ohne Haube, nur ein Samtband im grauen Haar. Das Haar war sowieso immer straff gescheitelt, in Zöpfe geflochten und zu einem Knoten im Nacken aufgesteckt. Die feinen schwarzen Lederpantoffeln glänzten heute besonders.

Dann holte sie, mitunter erst auf unsere Bitten, ein kleines Wassereimerchen hervor und es wurde Plinsteig aus Milch, Mehl, Eier und Hefe eingerührt. Der Herd wurde angeheizt, die eisernen Ringe aufgelegt, damit sie das Ofenloch völlig zudeckten - und es wurde der Plinsstein geholt.
War der Teig ausreichend gegangen, wurde der „Plinsstein“, eine ganz flache gusseiserne Pfanne, auf den Herd gesetzt. Mit einer dicken Schwarte vom Speck wurde der Plinsstein eingefettet. War er heiß genug, ging das Backen los. Plins für Plins wurde auf den warmen Teller, der ebenfalls auf dem großen Herd Platz gefunden hatte, abgelegt. Aufgeregt verfolgten wir Kinder das Geschehen und konnten das große Schmausen kaum erwarten. Mutter spendierte saure Sahne und hatte Butter zerlassen. Der Zucker stand auch schon bereit. Dann wurden die Plinse mit einem Pinsel mit Butter oder Sahne bestrichen und mit Zucker bestreut. Fein zusammengerollt lagen sie dann auf dem Teller.
Es wurde Kaffee gekocht - manchmal sogar Bohnenkaffee für die Erwachsenen, den Großmutter und Mutter vorher im Kaffeebrenner sorgfältig rösteten.
Dann endlich durften wir am Tisch Platz nehmen. Unsere Spielgefährten aus der Nachbarschaft durften wir manchmal dazu einladen. Darunter die Kinder vom Bäckermeister, der eigentlich feinen Kuchen buk. Aber gab es bei uns frische Plinse ließen sie zu Hause den Kuchen stehen.
Großmutters Worte klingen in ihrer Spreewälder Mundart noch heute in meinen Ohren: “Du kannst mit eene Speckschwarte ganzn Wassereemer Plinsteeg ausbackn.“

 

Großmutters Hefeplinse

1 Liter Milch

und

30 g Hefe

verquirlen.

1 Prise Salz

 

40 g Zucker

und

4 Eier

hinzufügen.

500 g Mehl

löffelweise darunter geben.

 

Den Teig 1 Stunde gehen lassen und in einer mit

Speckschwarte (oder Öl)

eingefetteten möglichst flachen Pfanne die Plinse goldgelb backen.

 

Plinse mit zerlassener

Butter (oder saurer Sahne) und mit Zucker

bestreuen, zusammenrollen und auf vorgewärmte Teller geben.

 

Spreewälder Originale: Marga Morgenstern

Publikationen von Marga Morgenstern:

  • Lübbener Skizzen, Heimat-Verlag Lübben, 1992
  • Eine romantische Wanderung durch den Spreewald, Heimat-Verlag Lübben, 1995
  • Spreewald Erinnerungen, Go-Verlag München, 2002
  • Die alte Spreewälder Küche, Go-Verlag München, 2005
  • In Vorbereitung: Unser Spreewald, 2008

s.a. Lausitzer Rundschau

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