Peter und Jo Ann Karolczak

Amerikaner im Spreewald

„Möchten Sie noch ein Stück Kuchen?“, fragt Jo Ann Karolczak in gebrochenem Deutsch mit amerikanischen Akzent. Die Antwort vorausahnend schiebt sie noch ein Stück leckeren Erdnusskuchen auf den Teller. Es ist Kuchen aus ihrer texanischen Heimat, den sie im Burger alten Schulhaus am Kantorweg gebacken hat. Seit nun schon 15 Jahren wohnt sie mit ihrem deutschen Ehemann Peter Karolczak im Spreewald. Beide betreiben eine Pension und haben sich inzwischen an das Leben in Deutschland gewöhnt. Für Jo Ann verlief dies anfangs und auch heute noch etwas enttäuschend: „Warum sind die Deutschen nur so unfreundlich? Es geht ihnen doch so gut! Als ich damals aus dem Flugzeug stieg, ging ein Schubsen und Drängeln los, niemand entschuldigt sich, alle habe keine Zeit und sind mürrisch. Bei uns in Texas brauche ich nur am Straßenrand stehen, schon halten die Autos an und ich werde freundlich rübergewunken!“ Sie hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass längst nicht alle so sind. Besonders nicht ihre ostdeutschen Pensionsgäste. Peter Karolczak fiel das Eingewöhnen eher leicht. Weniger wegen der deutschen Mentalität, eher wegen der Nähe zu seiner Heimat. Am Kantorweg hat er seine Kindheit verbracht. Seine Großeltern unterhielten hier ein Schuhgeschäft.

Peter Karolczak wurde 1941 in Berlin geboren. Seine Mutter arbeitet in einem großen Warenhaus am Alexanderplatz, der Vater machte Karriere bei den damaligen Politgrößen, was ihm später acht Jahre Gefangenschaft einbrachte. Im Riefenstahl-Film „Triumph des Willens“ hat ihn Peter als Fahnenträger in Nürnberg gesehen. Wenige Monate nach Peters Geburt gaben ihn die Eltern wegen der andauernden Bombengefahr von Berlin nach Burg zu den Großeltern. Aus Erzählungen weiß er, dass sein Berliner Elternhaus eine halbe Stunde, nachdem die Familie das Haus verlassen hatte, um mit ihm zum Bahnhof zu gehen, in Schutt und Asche versank. Kaum jemand überlebte. „Dieser Schock sitzt heute noch in den Gliedern unserer Familie“, erzählt sichtlich gerührt Peter Karolczak.

In Cottbus lernte er Lokschlosser und wurde sogleich im Rahmen der anstehenden Ausmusterung der Dampfloks auf Dieselmotoren umgeschult, blieb aber nicht in Cottbus. „Ich war nach der Ausbildung neugierig auf die Welt geworden und fuhr 1960 einfach so nach Köln.“ Bei Deutz fand Peter Karolczak Arbeit und bekam das Angebot, nach Südafrika zu gehen. Dort angekommen brauchte ihn plötzlich keiner mehr. Nun schon mal da, sah er sich nach einer anderen Arbeit um, die er als Werkzeugmacher bei Chrysler fand. Doch auch das währte nur kurz und er heuerte auf einem Schiff an. „Da wurde mir einfach zu viel gesoffen, der Koch war ständig betrunken - alles nichts für mich!“ Zurück in Kapstadt lernte er einen Großwildjäger aus Oregon kennen, den er auf der Jagd begleitete. Der Jäger war ein Fleischwolfproduzent, der gute Schlosser suchte und ihn vom Fleck weg einstellte. Dort gab es ein gutes Restaurant - geführt von Jo Ann. Ihre Kundschaft waren Fischer und Holzfäller. Zur Gaststätte am Columbiariver gehörten noch eine Tankstelle und ein kleines Lebensmittelgeschäft. „Der Deutsche hat mir schöne Augen gemacht und irgendwann wurde ich schwach“, erzählt Jo Ann. Ihr Blick geht dabei ein wenig in die Ferne, ihre Gedanken sind im Damals: „Ich habe mein Geschäft aufgegeben und bin Hals über Kopf Peter zu seiner neuen Arbeit nach Kalifornien gefolgt.“ Dort, in Belmont, lebten sie über 20 Jahre. Dann kam der entscheidende Anruf von Peters Schwester Rita aus Burg im Spreewald: „Peter, du wolltest doch irgendwann mal wieder nach Deutschland zurückkommen …, hier in Burg steht das alte Schulhaus zum Verkauf.“ Dieser Anruf löste großes Grübeln und schlaflose Nächte aus. Die Karolczaks hatten sich in Amerika eingerichtet, es ging ihnen gut. Eigentlich gab es keinen Grund, in den nun schon späteren Lebensjahren das sonnige Kalifornien zu verlassen. Peter Karolczak war das Umherziehen durch die Welt gewöhnt. Seine Rentnerjahre dort zu verbringen, wo alles begann, übte seinen eigenen Reiz aus. Jo Ann hatte deutsche Vorfahren. Im heimatlichen New Braunfels, in Texas, war ohnehin alles deutsch ausgerichtet. Die Neugier auf das Land ihrer Väter wuchs im gleichen Maße, wie der Wunsch nach einer vielleicht letzten Veränderung im Leben. Der Entschluss wurde gefasst und umgesetzt. Noch in Kalifornien begann Jo Ann ihr Hobby, die Bleiverglasung, auf ihre zukünftig Heimat auszurichten. Die Giebelfenster des alten Schulhauses sind mit Storchenmotiven versehen. Gefertigt hat sie diese auf Anregung ihres Spreewälder Gatten noch in Amerika. Als Vorlage dienten Fotos; in Kaliforniern gibt es keine Störche.

In Burg angekommen, galt es erst einmal sich durch den Behörden-Dschungel zu quälen. „In Amerika wäre das alles viel einfacher gewesen“, schätzen beide ein. Irgendwann war es geschafft, die Wohnung her- und sechs Doppelzimmer zur Vermietung eingerichtet. Im Dachgeschoss hat Jo Ann ihre kleine Heimatstube mit Mitbringseln aus Texas. Neben der Winchester-Büchse hängt ein Longhornschädel, das Bild indianischer Vorfahren eines Familienzweiges neben originalen Colt-Halftern. Und viele texanische Hüte, die beide oft auch im Alltag tragen. Jo Ann trägt dann gern den ihres Vaters. Im Eingangsbereich begrüßen die aus Amerika mitgebrachten Türschilder die Feriengäste, daneben ein wendisches Schild: Sei willkommen, lieber Gast, tritt ein, reich mir die Hand und bring Glück!

 

Peter Becker, 08.05.12

 

 

 

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