Ricken und Erntehelfer

Karl-Heinz Ricken, Vetschau

  • Gemüsebauer

Karl-Heinz Ricken hat immer noch die Worte seiner rheinländischen Mutter im Ohr: „Freundlichkeit kostet nichts, bringt aber viel Sympathie!“ Sie sind zum Leitwert seines späteren unternehmerischen Handelns geworden:  „Wir können nicht so weiter machen wie bisher, der freie Kapitalismus erzeugt eine Rauheit und Aggressivität unter den Menschen, der endlich entgegen gesteuert werden muss. Wer, wenn nicht wir Unternehmer, kann denn daran etwas ändern? Wir müssen auch raus aus der Jammermentalität, runter von unserem abgehobenen Anspruchsdenken!“ Und er lässt seinen Worten Taten folgen. Seine Mitarbeiter, egal welcher Nationalität, werden absolut gleich behandelt, bekommen das gleiche Geld bei gleicher Arbeit und haben kostenlose Verpflegung. Lediglich für die Unterbringung der auswärtigen Arbeitskräfte ist ein kleiner Beitrag zu erbringen. Sein Büro ist angehalten, ein offenes Ohr für alle Mitarbeiter zu haben und deren Sorgen ernst zu nehmen: „Bei mir soll sich jeder wohl fühlen und Achtung spüren!“ Der bekennende Katholik hat für die Gläubigen unter seinen Mitarbeitern im Speisesaal eine kleine Kapelle eingerichtet, in der jeden Sonntag Gottesdienst durch einen polnischen Pfarrer abgehalten wird. Katarzyma Buhowska (20) aus Wilczyn: „Uns gefällt die Arbeit und auch die Bezahlung ist in Ordnung. Bei uns in Polen bekommen wir gar keine Arbeit, deshalb habe ich mich mit meinen Freundinnen wieder zu diesem Schritt entschlossen.“ Sie kommt nun schon im dritten Jahr für zwei Monate nach Vetschau. Auch Vorarbeiter Piotr Olszyme (30) ist mit seinem Job zufrieden: „Ich kann ein wenig Deutsch und übersetze die Arbeitsanweisungen meines Chefs, der sich ansonsten sehr bemüht, uns auch in unserer Muttersprache anzusprechen. Das bringt ihm viel Achtung ein!“
Der 1961 in Geldern (NRW) in einer Bauernwirtschaft geborene Karl-Heinz hat nach dem Gymnasium in Xanten eine Landwirtschaftslehre absolviert und bei einem Auslandspraktikum in England „so richtig Lust bekommen, mal selbst einen großen Betrieb zu führen.“ Die Gelegenheit dazu ergab sich bald durch die Übernahme des landwirtschaftlichen Betriebes der Eltern und durch die Spezialisierung auf Gurkenanbau. „Entgegen anders lautenden Auffassungen ist der Ertrag im Rheinland dank des milderen Klimas und der größeren Niederschlagsmengen um etwa 20 Prozent höher als im Spreewald!“ Aber genau hierhin verschlug es ihn auf der Suche nach neuen Anbauflächen. „Die Spreewaldgurke hat einen Namen und nach der politischen Wende war der Anbau praktisch zum Erliegen gekommen, der Bedarf aber immer noch groß. Deshalb entschloss ich mich zur Übernahme einiger Flächen, damals noch gemeinsam mit einem Partner und baute zuerst Gurken an, später dann noch Spargel und Erdbeeren.“ Gerade bei letzterer Kultur hat er durch einen versetzten Anbau von Mai bis September mit schon vorgezogenem Pflanzgut eine verlängerte Ernte, denn sechs Wochen nach der Pflanzung können schon die ersten Früchte abgelesen werden. Seine Erdbeeren sind völlig frei von Fungiziden, den chemischen Pilzbekämpfungsmitteln. „Ich bürge mit meinen Namen und stehe mit meiner ganzen Firmenphilosophie dazu, dass meine Erdbeeren frei von chemischen Pflanzenschutzmitteln und damit rückstandsfrei sind. Wöchentlich werden durch ein unabhängiges Institut unangekündigt Proben genommen und auf chemische Rückstände untersucht. Die 1000 Euro wöchentliche Kosten dafür sind es mir wert, meinen Kunden nur ausgezeichnete Ware, und die dazu auch noch aus der Region kommt, zu bieten.“
Manchmal nimmt er wichtige Dinge auch selbst in die Hand. Er fährt nach Rumänien oder Polen und sucht dort nach geeigneten Arbeitskräften. Er überlässt dies nicht irgendwelchen Agenturen, für die er und die Mitarbeiter noch hohe Gebühren zahlen müssen. Zur (seltenen) Erholung fährt er ins Rheinland, zu seiner Familie. Ehefrau Anne hält den elterlichen Betrieb am Laufen, die vier Kinder (21, 20, 19 und 18 Jahre) haben einen Gymnasialabschluss und studieren.
Karl-Heinz Ricken ist inzwischen einer der größten Arbeitgeber im Vetschauer Raum. Sein Motto, ein Unternehmer muss alles unternehmen, um Arbeit zu schaffen, hat er bereits in die Tat umgesetzt:  Zwanzig fest Angestellte und 230 deutsche Saisonarbeitskräfte, zu denen noch viele ausländische Helfer kommen. „Und die alle lassen auch viel Geld in der Region, sie versorgen sich hier und fahren nach zwei Monaten mit voll gepackten Taschen wieder nach Hause!“

Peter Becker, Mai 2009

Gemüsehof Ricken, Vetschau

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