Erich Schier

Erich Schier, Lehde

  • Kahnfährmann
  • Korbflechter

„Irgendwie ist mein Leben mit dem ‚W’ verbunden: Im Weltkrieg verwundet, kam ich zurück nach Lehde an mein geliebtes Wasser, den Wehrkanal zurück. In Lehde habe ich meine Wettermessungen gemacht und mache sie immer noch, hier habe ich den Weißstorch beobachtet und in Wotschofska einen kleinen Garten unterhalten. Und im Winter verarbeitete ich in meiner kleinen Werkstatt Weidenruten zu Körben, ach ja - und ein Wende bin ich auch.“ Erich Schier ist immer wieder beeindruckt, wie viele „W’s“ sein Leben begleiten. „Ich könnte die Aufzählung ja noch fortsetzen, wenn ich auf die berühmten W-Fragen eingehe, aber das überlasse ich lieber anderen“, lenkt er schmunzelnd ein.
Erich Schier wurde am 27.Juli 1925 in Lehde geboren. Die Eltern Paul und Anna Schier betrieben eine bescheidene Landwirtschaft im nicht leicht zu bewirtschaftendem Spreewald mit seinen jährlichen Überschwemmungen oder auch Dürren. Die Kinder Paul, Erich, Fritz, Werner und Hildegard mussten wann immer es ging mithelfen, die Familie zu ernähren.
Nach der Volksschulzeit half er erst mal bei der Kriegswitwe Filko in Lehde in der bäuerlichen Wirtschaft, bevor er zum Arbeitsdienst und später zur Wehrmacht einberufen wurde. Es folgten schreckliche Kriegsjahre mit einer schweren Verwundung, die ihm aber wenigstens das Schicksal einer Gefangenschaft ersparte. „So gut es ging, half ich wieder meinen Eltern, die nun jede Unterstützung in den schweren Nachkriegsjahren bitter nötig hatten, es gab ja kaum was“, schätzt er diese Zeit ein, in der er aber auch die Liebe seines Lebens gefunden hatte. Charlotte, eine Verkäuferin, heiratete er 1946, das Paar bekam drei Kinder, darunter zwei Söhne. Erich wurde Facharbeiter für Melioration und nahm später eine Arbeit im neu erbauten Kraftwerk Lübbenau an. Nach einer schweren Krankheit, verursacht durch Zeckenbiss, musste er 62-jährig in die Invalidenrente gehen. „Die Arbeit allein hatte mich aber nie ganz ausgefüllt, ich musste immer noch was nebenbei machen, am liebsten was ‚Intellektuelles’“, beschreibt er seinen Hang zum Sammeln von Daten und Fakten. Seit seiner Kriegsheimkehr erfasst er täglich die Wetterdaten, seit vielen Jahren dokumentiert er auch die Storchennestbesiedlung auf dem gegenüberliegenden Feuerwehrhaus, aber am liebsten war er für seine Zeitung, die Lausitzer Rundschau, tätig. Er war Jahrzehnte „Volkskorrespondent“, wie es damals hieß und immer dicht an den Leuten, seinen Spreewäldern dran. Als Lehd’scher war er natürlich auch Kahnfährmann, der in 30 Jahren Tausende Urlauber durch den Spreewald stakte. „Ich erinnere mich noch gut an meine ersten Fahrten und besonders an die Preise damals. Für 2,70 DDR-Mark konnte man eine fünfstündige Tour buchen, dafür würde wohl heute niemand mehr das Rudel in die Hand nehmen“, resümiert er über diese Zeit. Mit seinem Wortwitz und seinem fundierten Wissen konnte er die Gäste unterhalten, viele wollten nur mit ihm fahren: „Ich war auch häufig mit TV-Teams unterwegs, wurde immer wieder gebucht und musste vielen Leuten Rede und Antwort stehen - wenn auch zuletzt nur noch übern Gartenzaun.“ Dort sieht man ihn nämlich an schönen Tagen mit den Touristen plaudern, die bei dieser Gelegenheit manchmal auch gleich einen seiner schönen Weidenkörbe mitnehmen. „Was sollte man an langen Winterabenden denn sonst machen? Seit es meine Charlotte nicht mehr gibt, sie starb vor fünf Jahren, ist es einsam geworden. Da habe ich schon mal den kleinen Kanonenofen in meiner Werkstatt angeheizt und Körbe geflochten, in allen Größen, lange Tage und Abende lang. Nun aber geht auch das nicht mehr, meine Finger sind nicht mehr gelenkig genug.“ Dennoch wird es weiter Körbe geben, denn Sohn Manfred hat sich das beim Vater abgeschaut und tut es ihm nach.
Als Wende ist Erich seinen Traditionen verwurzelt, er hat von Kindheit an die sorbisch-wendischen Volksfeste gelebt. „Ostern war es immer am schönsten, besonders wenn wir jungen Burschen die Mädchen beim Osterwasser holen necken konnten. Die mussten nämlich um Mitternacht mit dem Kahn allein zu den Fließkreuzungen fahren, um dort das ‚heilkräftige’ Wasser zu schöpfen. Schreckhaft wie sie waren, war es gar nicht so schwer. Fast alle fuhren mit Plapperwasser heim, denn das Redeverbot haben sie dank unserer ‚Hilfe’ häufig gebrochen.“ Noch heute muss er schmunzeln, wenn er an diese traditionsreiche Zeit zurückdenkt. „Inzwischen bin ich der Einzige im Dorf, der noch Wendisch sprechen kann, mit mir wird wohl diese Sprache in Lehde auch aussterben.“ Dem ehemaligen rührigen Domowina-Kreisvorstandsmitglied wird es dabei ein wenig schwermütig ums Herz: „Es ist schade, aber irgendwie auch der Weltenlauf: Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf“, bringt er reimend seine Lebensphilosophie auf den Punkt und blickt an diesem Märzentag auch gleich in die Zukunft: „Mal sehen, wenn die Störche kommen, lange wird es wohl nicht mehr dauern.“ Schweifend geht sein Blick zum Storchennest auf der anderen Straßenseite. „Sind die Störche da, zieht auch wieder Leben ein ins Dorf. Mit ihnen kommen die Urlauber und das schöne Wetter – da freue mich schon den ganzen Winter drauf!“

Peter Becker, April 2009

 

s. LR 02.05.09

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