Torsten Seidel

Gastwirt und Hotelier in Raddusch

Sein Berufswunsch war schon im Alter von neun Jahren gefestigt: Gastwirt wollte er werden, denn Bier ausschenken macht Spaß, wie er früh feststellte. Dass Torsten dabei noch auf einem Hocker stehen musste, um an den Zapfhahn zu kommen, sah er als ohnehin vorübergehende Erscheinung an. Er half gelegentlich seiner Mutter, die als Köchin bei Familienfeiern tätig war. Aber wie das Leben so spielt…. mit seinen Plänen wurde erst mal nichts.
Torsten Seidel, Jahrgang 1968, wuchs in Lübbenau und später in Ragow auf. Er erlernte, mangels Gelegenheiten in der Gastronomie, nach der zehnten Klasse den Beruf eines Agrotechnikers. In der LPG Groß Beuchow wurde er nach der Lehre als Bus- und Lkw-Fahrer eingesetzt. Gut in Erinnerung ist ihm die damals häufig praktizierte „sozialistische Hilfe“ geblieben: „Wir sind mit dem Mähdrescher ins Erzgebirge gefahren, um dort den Bauern zu helfen. Für die knapp 200 Kilometer haben wir 13 Stunden auf Autobahn und Landstraße gebraucht!“
Mit der politischen Wende brach sein Aufgabengebiet weg. Anfangs noch als Tankwart für eine kurze Zeit tätig, fand er dann eine Beschäftigung bei Ernst Ried. Der stammte aus den alten Bundesländern und hatte in Lübbenau eine ehemalige Lagerhalle mit Waren aller Art (bekannt unter Eritex)  gefüllt und suchte einen Marktfahrer. Torsten Seidel hat diese Aufgabe zur Zufriedenheit seines Arbeitgebers ausgefüllt, so gut, dass er von diesem einen Geschäftsführerposten angeboten bekam. Mit der Rückverlegung des Betriebes nach Hof wurde er 1996 arbeitslos. Inzwischen war da eine Familie zu ernähren, die beiden Töchter waren damals gerade sechs und ein Jahr alt. Ein Weggang Richtung Westen kam nicht infrage, eine neue Arbeit vor Ort musste schnell gefunden werden. In der Burger Spedition Neumann konnte er als Kraftfahrer anfangen, kurz danach wurde er dort Disponent. Nach einem knappen Jahr Tätigkeit für die Firma erlitt er einen schweren Unfall: Bei der Wartung eines Kühlaggregates auf dem Dach eines Lkw stürzte er auf die Hängergabel. Es folgten eineinhalb Jahre Klinik- und Kuraufenthalte. So wie die Schmerzen abnahmen und die Beweglichkeit langsam zurückkehrte, nutzte er die Zeit, um sich nun doch noch seinen Traumberuf zu widmen. Torsten Seidel nahm Umschulungsangebote in Anspruch, besuchte bei der Industrie- und Handelskammer Lehrgänge und machte sich autodidaktisch fit für den Gastronomenberuf. Sein alter Arbeitgeber aus der Eritex-Zeit, nun auch Pächter einiger Spreewald-Gaststätten, bot ihm 1998 an, als Geschäftsführer das Hotel „Radduscher Hof“ zu übernehmen. Zusätzlich übernahm er noch das Lübbenauer Pfannkuchenhaus und die Boblitzer Pizzeria als Geschäftsführer. Drei Jahre später gab er den Geschäftsführerposten wieder auf, um Unabhängigkeit und Selbstständigkeit anzustreben. Torsten Seidel pachtete das Gasthaus „Am Mühlenwehr“ in Lübbenau und richtete es nach seinen Vorstellungen ein. Äußere Umstände führten 2007 zur Beendigung der Pacht. „In dieser Zeit habe ich viel lernen müssen und auch Lehrgeld bezahlt, dafür aber wichtige Erfahrungen gesammelt“, schätzt er die Jahre mit und in mehreren Objekten ein. Den „Radduscher Hof“ konnte er 2002 pachten – ein weiterer wichtiger Schritt dem Kindheitstraum näherzukommen. In Raddusch gab es eine Wettbewerbssituation, denn neben Torsten Seidels Hotel gab es auch das Hafenhotel. Für ihn glückliche Fügungen führten 2010 dazu, dass das Hafenhotel zur Versteigerung anstand. Torsten Seidel zahlte den Zuschlag und konnte damit die Wettbewerbssituation zu seinen Gunsten beenden. Im ehemaligen „Radduscher Hof“, heute ein Garni-Hotel, bekommt er Unterstützung durch seine Tochter Anika, die dem Haus vorsteht. Das neu erworbene Hafenhotel heißt heute „Hotel Radduscher Hafen“. Gemeinsam mit Ehefrau Kathrin und dem Personal stellt er sich den Aufgaben, die besonders in der Saison alle Kräfte praktisch rund um die Uhr binden. Erste Umbauten sind erfolgt, ein Fahrstuhl wurde eingebaut und manche Stufe entfernt, damit das Hotel barrierefrei geführt werden kann. Gasträume, wie das Kaminzimmer, sollen erweitert und der Wellnessbereich endlich in Angriff genommen werden. Das benachbarte Grundstück möchte Torsten Seidel erwerben, einmal, weil es keinen schönen Anblick bietet, aber vor allen Dingen, weil er dort seine Wellnessoase errichten möchte. „Was einfach klingt, ist unglaublich schwer umzusetzen“, berichtet Torsten Seidel über seine Erfahrungen mit Ämtern und Behörden. „Wegen des kürzlich stattgefundenen Flurneuordnungsverfahrens ist keine Grundstückzusammenlegung mehr möglich“, klagt der Hotelier. Aber Torsten Seidel hat schon mehrere Lebensstürme hinter sich, er wird nicht aufgeben und immer wieder nachhaken – bis es eine für ihn zufriedenstellende Lösung gibt.
Er wohnt mit seiner Familie in Groß Lübbenau. Im Sommer ist er dort nur für ein paar Stunden Schlaf. Dann geht es mit dem Motorrad wieder zurück nach Raddusch. Aber nur manchmal: Die Unfallfolgen von damals, die zerschmetterte Schulter, lassen keine öfteren Fahrten mit dem Bike zu – eine Leidenschaft, auf die er dann schweren Herzens verzichten muss. Eine andere Leidenschaft ist die Mitarbeit in der örtlichen Feuerwehr. Im Heimatdorf Groß Lübbenau war er eine Zeit Ortswehrführer, in Raddusch ist er erst mal nur Mitglied. Ihn trifft es dann zuerst, wenn tagsüber ein Einsatz ist und andere Kameraden kaum zur Verfügung stehen. Dann tauscht Torsten Seidel seinen Hotelieranzug mit der Schutzkleidung und eilt zum Einsatzort. In den ganz wenigen freien Stunden -im Sommer kaum vorhanden- pflegt er seine Lieblingsbeschäftigung. In der Familiensauna ist er ungestört, hier kann er sich erholen, hier kommt er zum Nachdenken. Zum Nachdenken darüber, wie er sein Hotel noch besser führen kann und wie es ihm endlich gelingen könnte, seiner Wellnessoase ein Stück näherzukommen.

 

Peter Becker/peb1, 17.12.13

 

 

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